Die Boulevard-Presse tönte kürzlich:„Gysi läßt die Nackten rein“ (Berliner Kurier am 29.03.17); „Gysi zeigt Nacktfotos“ (Berliner Abendblatt vom 01.04.17); „Paragrafenreiter im Rathaus“ (Berliner Woche vom 05.04.17); „Gregor Gysi zeigt in seinem Büro Aktfotos“ (Berliner Morgenpost vom 19.04.17); „Asyl für zensierte Kunst“ (Berliner Woche vom 26.04.17). Was war geschehen?

In den Fluren des Rathauses Köpenick sollte es wieder eine Fotoausstellung mit rund 400 Fotos geben: das „23. Fotoclub Forum Berlin“. Dazu gehörten vier Aktfotos. Nun ist ein Rathaus keine uneingeschränkte Galerie für Ausstellungen. Um im Rathaus, einem öffentlichen kommunalen Gebäude, ausstellen zu können, braucht es eine Genehmigung, und die unterliegt gewissen Voraussetzungen. Zum Beispiel darf das Ausgestellte keinen Besucher peinlich berühren oder gar abstoßen. Ausstellungen an anderer Stelle besucht man aus Interesse oder läßt es bleiben. Dr. Gysi MdB äußerte am 23. April um 19.25 Uhr in der ZDF-Nachrichten-Sendung: „Der Besuch einer Fotoausstellung ist freiwillig“. In ein Rathaus muß man aber gehen, wenn man Angelegenheiten in den nur dort eingerichteten Dienststellen zu erledigen hat. Und zwangsläufig müssen die Besucher dann auch durch Flure gehen, wo rechts und links Ausstellungstücke hängen oder stehen, die sie eventuell nicht sehen möchten und über die sie sich dann aufregen. Der Bürgermeister als Hausherr des Rathauses und eine inhaltlich für Kultur und das damit verbundene Ausstellungswesen zuständige Stadträtin müssen erfahren können und haben darüber zu entscheiden, was im Rathaus der Öffentlichkeit geboten wird und was nicht. Das Bezirksamt, das bekanntlich in der Öffentlichkeit mit einer Stimme spricht, hatte jetzt aus Erfahrungen vergangener Jahre hinsichtlich der Präsentation von Aktfotos im Rathaus Köpenick Bedenken. Gespräche zwischen Bezirksamt und Ausstellungsleitung erbrachten keine Einigung. Die Ausstellungsleitung beharrte auf der uneingeschränkten Präsentation aller Fotos, also auch der vier Aktfotos. Bezirksstadträtin Cornelia Flader (CDU), die sich im Bezirk engagiert für Weiterbildung, Schule, Kultur und Sport einsetzt, war demzufolge gezwungen, gemäß Verordnungen für öffentliche Einrichtungen zu handeln und nicht zuletzt dem § 1 Grundgesetz zu folgen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Sie entschied – um Gefühlsverletzungen und Anklagen gegenüber dem Bezirksamt vorzubeugen – zugunsten der Achtung von Gefühlen derjenigen, die ihr da sagten – oft unter vier Augen und leider nie öffentlich (warum eigentlich nicht?) – , daß sie sich als Angestellte oder als Besucher des Rathauses Köpenick durch in Gängen hängende Aktfotos peinlich berührt oder gar abgestoßen fühlen (man denke auch an Menschen aus Glaubens- und Sozialisierungs-Welten, die der unsrigen fern sind!). Die Entscheidung der Bezirksstadträtin lautete: 400 Fotos ja; 4 Aktfotos nein. Die Ausstellungsleitung verzichtete daraufhin unter öffentlichem Protest auf die gesamte Ausstellung im Rathaus Köpenick. Die Boulevardpresse hatte ihr „gefundenes Fressen“, der Blätterwald „rauschte“. Die Häme, mit der Cornelia Flader geradezu überschüttet wurde, ist jedoch ungerechtfertigt.

Aber es gab wenigstens für die Aktfotos eine Lösung: Dr. Gysi MdB sprang ein. In seinem hiesigen Refugium, sprich Wahlkreisbüro, hängen, pressewirksam angeboten, die umstrittenen Aktfotos. Dort kann jede/r, die/der will, sie sich „nach Herzenslust“ betrachten, ganz freiwillig. Die 400 anderen Fotos sind leider nicht im Rathaus Köpenick zu sehen. Mußte das sein?

Ulrich Stahr,
Kreisvorsitzender der Senioren-Union Treptow-Köpenick.

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