In Sachen Thilo Sarrazin

Der Teufel ist los! Das politische Deutschland verdammt unisono einen einzigen Mann: Thilo Sarrazin.

Er scheint der Böse an sich zu sein. In unserem Land leben plötzlich Millionen von Moralisten, die sich angegriffen fühlen. Von diesem Mann und seinen Gedanken, die er wagt, öffentlich auszusprechen und die er jetzt sogar noch in einem Buch zu Papier gebracht hat. Statt das Buch aber als verabscheuungswürdiges Pamphlet zu ignorieren, ist die Startauflage, die in die Hunderttausende geht, schon am Erscheinungstag, dem 30. August, vergriffen. Warum wollen bloß so viele Leute die Ansichten dieses Mannes lesen, wenn er doch gleichzeitig zu Unperson erklärt wird, er, der ein Rassist sein soll, der die Migranten diffamiert, der in seiner Partei, der SPD, nichts mehr zu suchen hat, der unwürdig für seinen Job in der Bundesbank ist, der die Juden beleidigt, der Pseudowissenschaften verkündet, der ein Volksverhetzer und Teufel ist - und so weiter, und so weiter, ad infinitum. Die Leute, die das Buch bisher gelesen haben dürften, sind bestimmt an zwei Händen abzuzählen. Aber wie viele Leute zeigen auf den Mann und verdammen ihn! An einem Karfreitag vor rund 2000 Jahren schrie eine aufgebrachte Menschenmenge zu Pilatus, der über Jesus zu richten hatte: „Kreuzige ihn!“ 1632 musste Galileo Galilei seiner, später als richtig erkannten Weltsicht abschwören und sie verleugnen, um sein Leben zu behalten. Andere, die das nicht taten, endeten in den Flammen, umringt von vielen Zuschauern, die das richtig fanden – verführt von Drahtziehern im Hintergrund. Diese Meinungsmacher sind nicht ausgestorben. Nur endet ein Mensch, der heutzutage gedanklich „wider den Stachel löckt“, der nicht der „political correctness“ des jeweiligen Tages entspricht, Gottseidank nicht mehr auf dem Schafott, wo er sein leibliches Leben verliert. Aber mundtot zu machen, ist für viele Menschen immer noch eine große Freude! Trotz aller Toleranz-Reden von so vieler Seite sind dieselben Seiten schnell bereit, zu verdammen, wenn jemand seine scheinbar unangepassten „Thesen“, nein, nicht an eine Kirchentür nagelt, sondern sie in einem Buch veröffentlicht. Ich habe am 30. August bei NTV um 11.00 Uhr die Bundespressekonferenz eingeschaltet, in der das Buch, das Thilo Sarrazin jetzt geschrieben hat, vorgestellt wurde und das so viel Wirbel auslöst, obwohl es kaum jemand, auch ich nicht, bisher lesen konnte. Was da gesagt wurde, macht neugierig, alles zu lesen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich erst informieren und dann urteilen – und auch v e r urteilen, wenn nötig. Jeder sollte das tun. Medienmeinungen sollten für die eigene Meinung nicht entscheidend sein. Schon gar nicht bei demokratischen Parteien. Toleranz heißt auch, emotionslose Prüfung und Beurteilung der Meinung des Andersdenkenden. In diesem Sinne hätte ich mir gewünscht, dass meine Partei, die CDU, nicht sofort in den Unisono-Chor der Verdammnis des Thilo Sarrazin eingestimmt hätte, sondern dass sie erst nach unaufgeregter Prüfung seines Gedankengutes zu einer Einschätzung gekommen wäre. 

Ulrich Stahr

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