Kaum zu glauben, dass wir schon 20 Jahre als vereinigtes „Deutschland“ den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen. Immerhin ist in dieser Zeit bereits eine neue Generation herangewachsen, die die Teilung Deutschlands durch die Schandmauer gar nicht mehr kennen gelernt hat.

Zur Zeit übertreffen sich die Medien mit Darstellungen über den Weg zur Einheit und die anstrengenden 2 Jahrzehnte Aufbauarbeit im Osten. Es wird darüber gestritten, ob die Einheit zu schnell kam und ob durch die Wirtschafts- Währungs- uns Sozialunion die Industrie der DDR platt gemacht wurde. Ich kann mich nur noch wundern. Da gibt es heute noch Leute die da meinen, die DDR hätte nach dem Fall der Mauer noch als demokratischer Staat so lange bestehen bleiben müssen, bis wir uns auf das Niveau der Bundesrepublik hochgearbeitet hätten. Also mal praktisch ausgedrückt, die Trabanthersteller Sachsenring sollten erst einmal aus eigener Kraft auf das Niveau von Volkswagen kommen. Oder das Fahrzeugwerk in Ludwigsfelde als Hersteller der LKW W 50 und L 60 sollte den technischen Stand des weltweit führenden LKW- Hersteller Mercedes erreichen. Und das alles, nachdem der Sozialismus und damit die Absatzmärkte der DDR- Industrie weltweit zusammengebrochen waren und dann wollten diese klugen Leute auf Augenhöhe mit der BRD verhandeln. Haben diese Leute mal darüber nachgedacht, wie es uns gehen würde, wenn wir heute noch DDR wären?
Ein Glücksfall für Deutschland und am Ende für ganz Europa, dass die CDU am 18. März 1990 mit der Allianz für Deutschland so einen grandiosen Wahlsieg hingelegt hat. Der Zielstrebigkeit von Lothar de Maiziere und seinen wichtigsten Mitstreitern ist es zu verdanken, dass Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Dietrich Genscher gleich gesinnte Verhandlungspartner hatten. Am 29. 09. hat Helmut Schmidt bei der Enthüllung des Denkmals für die „Väter der Einheit“, 3 Büsten von Busch, Gorbatschow und Kohl (vor dem Springer Verlag), gesagt: „Kohls Zehn- Punkte- Programm von 1989 war eine Glanzleistung des politischen Instinkts.“ Wenigstens ein Sozialdemokrat aus der Spitze der Partei, der die Kraft hat, diese Leistung ohne wenn und aber anzuerkennen.
Natürlich haben sich viele den Prozess der Einheit leichter vorgestellt. Aber dass fast die gesamte DDR- Industrie zusammengebrochen ist, konnte 1990 auch noch keiner in diesen Ausmaßen übersehen. Der Hauptgrund dafür war, wie schon gesagt, nicht die Einführung der D- Mark sonder der Zusammenbruch des gesamten RGW- Raumes und damit 90 % der Absatzmärkte.
Nun überbieten sich die Medien mit den Ergebnissen von Umfragen, nach denen es den Menschen im Osten wesentlich schlechter geht als denen im Westen. Arbeitslosigkeit doppelt so hoch, Löhne bei 76 % des Westniveaus usw. Aber was zählt, die Lebenserwartungen haben sich angeglichen, Frauen 82 Jahre, Männer Ost 77, 4 und West 76, 1 Jahre.
Richtig ist, dass es noch viel Mühe und Kraft kosten wird, die Wirtschaftsstrukturen, die durch 40 Jahre Sozialismus ruiniert wurden, auf einen annähernd gleichen Stand mit Westdeutschland zu bringen. Das wird bestimmt noch einmal 20 Jahre dauern, aber es wird gelingen.
Lassen Sie sich also nicht die Laune verderben. Unsere Bundesregierung ist in eine Phase eingetreten, in der fast jede Woche Entscheidungen von gewaltigen Ausmaßen getroffen werden. Die Arbeitslosigkeit hat im letzten Monat fast die 3 Mio- Grenze erreicht, das zählt.
Ich empfinde die Einheit Deutschlands als das größte Glück, das mir auf der politischen Ebene widerfahren ist.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Freude darüber mit uns teilen und voller Zuversicht in die Zukunft schauen.
Herzliche Grüße
Ihr Fritz Niedergesäß

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